Die Ausbildung im Bereich der Ultraschallbearbeitung

... ist die Achillesferse der gesamten Anwendungstechnik im Bereich des Einsatzes der Ultraschallbearbeitung in den Unternehmen.

Zwar besteht, insbesondere im Bereich der industriellen Anwender in vielen Fällen ein firmeninternes Aus- und Weiterbildungsprogramm, dass oft in der Verantwortlichkeit der Entwicklungsabteilungen angelagert ist. Diese Aus- und Weiterbildung ist aus verständlichen Gründen auf die spezifischen Belange der Unternehmen ausgerichtet und wird von einzelnen meist nicht redundant vorhandenen Spezialisten getragen.

Eine eigenständige Horizonterweiterung der Mitarbeiter über die betrieblichen Bedürfnisse hinaus ist in vielen Fällen nicht erwünscht. Dem interessierten Anfänger werden breitere Kenntnisse der Anwendungstechnik nur durch mehrere freiwillige oder unfreiwillige Wechsel des Arbeitsplatzes oder des Unternehmens zugänglich.

Da jedoch die unmittelbaren Anwender der Ultraschallbearbeitungstechnik aufgrund der erworbenen Kenntnisse für das Unternehmen eine Schlüsselfunktion besitzen, woraus meist auch entsprechend angenehme Arbeitsbedingungen resultieren, ist die Bereitschaft zu einem Arbeitsplatzwechsel verständlicherweise nicht sonderlich gross.

Als Tatsache verbleibt die Anwendung der Ultraschallbearbeitung und das Wissen um deren doch sehr weitgehende Einsatzbereiche eine multifakultative Anlernwissenschaft ist. Wie ausgeprägt diese Tatsache ist, habe ich selbst am Anfang und mehrmals während meiner Laufbahn in diesem Bereich erlebt.

Das Kernproblem, im Vergleich zu anderen eingeführten Bearbeitungsverfahren, beruht auf einer sehr dürftigen Dokumentation über Anwendung und Einsatzmöglichkeiten der Technik selbst. Die meisten vorhandenen Druckwerke sind Werbebroschüren der Maschinenhersteller mit einer entsprechend geringen Aussagekraft.

Der grösste Teil der Fachveröffentlichungen der Maschinenhersteller besitzt nur einen geringen Informationswert. Die Technik wird auf eine entsprechend werbewirksame Weise dargestellt, wobei sorgfältig vermieden wird, auf die werkstoffabhängig, teilweise doch sehr nahen Grenzen einzugehen.

Weiterbildungsveranstaltungen (sogenannte Symposien), die meist von den Maschinenherstellern initiiert werden, sind allenfalls dazu geeignet, dem mittleren und oberen Management, besonders dem Beschaffungswesen, die Technik als solche mit einem Umriss der Anwendungsmöglichkeiten zu vermitteln. Der verbleibende Informationswert für den eigentlichen Anwender, der Maschinen bedient und betreut, ist gering.

Dissertationen und Diplomarbeiten die über das Thema erstellt werden, vermitteln in den meisten Fällen eine so komplexe Darstellung der technischen Zusammenhänge, dass beim Leser durch deren Lektüre eher Verunsicherung erkennbar wird und die Neigung zur Aufgabe in den Vordergrund tritt.

Ausserdem werden in den wesentlichen Arbeiten (abgesehen von einigen Dissertationen vom Anfang der 60'er Jahre) nur sehr kleine Ausschnitte aus dem tatsächlichen Anwendungsspektrum mit einer entsprechend hohen Auflösung und Tiefe analysiert, die der Anwender - meist ohne naturwissenschaftliche Ausbildung - nur mit Mühe in eine Beziehung zu seiner Aufgabenstellung bringen kann.

Das an dieser Stelle oft gebrauchte Argument, dass Verständnis des Anwenders für die Technik mit einer naturwissenschaftlichen Ausbildung einfacher erreichbar gewesen wäre, ist unsachlich. Denn hätte dieser Anwender eine naturwissenschaftliche Ausbildung, würde er aufgrund dieser Ausbildung für die Bedienung und Betreuung einer Ultraschallbearbeitungsmaschine mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zur Verfügung stehen.

Unabhängig von seiner Ausbildung beginnt der Anfänger seine Tätigkeit in der Anwendungstechnik der Ultraschallbearbeitung mit endlichen Kenntnissen einer technischen oder naturwissenschaftlichen Vorbildung und mehr oder weniger verworrenen Vorstellungen über die Funktionsmechanismen der Bearbeitungsabläufe. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Anfänger bei Beginn der Ultraschall-Karriere schon in einem gesetzteren Alter sind, weil Schlüsseltechnologien in Unternehmen in der Regel nur bewährten Mitarbeitern übertragen werden.

Nach der Schreckphase stellt der Anfänger fest, dass die Ultraschallbearbeitung eine Technik ist, bei der weder wissenschaftlich noch systematisch gearbeitet wird, sondern ein Bearbeitungsverfahren ist, das in der Regel nur dann eingesetzt wird, wenn andere, durch die Arbeitsvorbereitung kalkulierbare Verfahren nicht mehr ziehen oder zur Bewältigung der Aufgabenstellung nicht einsetzbar sind.

Abhängig vom Intelligenzquotienten dauert diese Phase sechs Monate bis ein Jahr, in Fällen besonderer Arroganz auch wesentlich länger.

Mit der Aufgabenstellung die Ultraschallbearbeitungstechnik als neue Technologie einzuführen, ist von seiten des Unternehmens selbstverständlich die Erwartung verbunden, dass das anstehende Problem schnell und billig beseitigt wird und gleichzeitig eine nachhaltige und dauerhafte Verbesserung des bisherigen Standes der Technik erfolgt.

Mit der Zeit wird der Anfänger erkennen, dass der Vorgänger oder Ausbilder nicht ganz auf den Kopf gefallen war und wie problematisch es ist, eine Sache nachhaltig und dauerhaft zu verbessern. Regelmässig auftretende Rückschläge erleichtern ihm den Pfad zur Demut. Irgendwann (sehr selten), erlebt der Anfänger dann das Hochgefühl eine Sache dauerhaft und nachhaltig verbessert zu haben. Die Wiederholung solcher Erlebnisse, begleitet von den üblichen Rückschlägen macht ihn mit der Zeit zu dem, was man einen Fachmann nennt.

Damit erhöht sich der Akzeptanzpegel für den Mitarbeiter und seine Wünsche im Unternehmen. Gleichzeitig wird dieser jedoch zur Ablage für alle möglichen Probleme die sich bei seinen Kollegen ansammeln selbstverständlich verbunden mit der Erwartung, dass diese Kleinigkeiten nebenbei noch erledigt werden.

Irgendwann kommt dann der Augenblick in dem er, aus welchen Gründen auch immer, einen Nachfolger oder weitere Mitarbeiter in die Anwendungstechnik der Ultraschallbearbeitung einführen muss. In Erinnerung an den eigenen Werdegang versucht er, diesem die Wiederholung der selbst gemachten Erfahrungen zu ersparen. Dies funktioniert aber nicht. Zähneknirschend stellt er fest, dass die Ultraschallbearbeitung eine Technik ist, bei der ...

Nach weiteren Jahren erlebt er zwar, dass es diesem Nachfolger bei dem Versuch, dem nächsten Neuling die Wiederholung der gleichen Fehleinschätzungen zu ersparen, genau so ergeht, was jedoch nur ein schwacher Trost ist.

Frustrierender ist es, einen monofakultativen Würdenträger oder einen branchenfremden Manager zur Erweiterung seines Horizonts in die Ultraschallbearbeitungstechnik einzuführen. Da diese Persönlichkeiten nicht daran gemessen werden, ob sie in der Lage sein werden, eine Sache nachhaltig und dauerhaft zu verbessern und ausserdem über ein standesmässig und / oder pragmatisiertes Ausreden- und Floskelpotential verfügen, unterliegen sie nicht dem vorerwähnten Demuts- und Läuterungsprozess und sind deshalb durch nichts davon abzubringen zu erkennen, dass die Ultraschallbearbeitung eine Wissenschaft ist, bei der ...

Im Februar 1985 - Rainer Schmieg

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